Liebes Leben, wir müssen reden!

Liebes Leben! Wir müssen reden. Ich bin verwirrt und versteh die Welt oft nicht mehr so ganz, wenn ich an die letzten Wochen und Monate denke. Ich glaub, du sortierst dich gerade neu und - das kenn ich ja vom Ausmisten - beim Ordnen wird alles mal vorerst ziemlich durcheinander geworfen, was so vorhanden ist. Brauchbares und Müll, Wiederverwertbares und Altlasten, Wertvolles und Überflüssiges. Ich bin zwar nicht Marie Kondo, hab aber dennoch dazu ein paar Anregungen.

 

Liebes Leben! Ich denk, ich bin momentan eine von Vielen, die sich nicht ganz auskennt. Du hast scheinbar beschlossen, unsere Welt mal einigermaßen zu schütteln und über den Haufen zu werfen. Das fühlt sich zwar derzeit nicht so cool an, aber: wenn man ausmisten mag, sich neu orientieren und Ordnung schaffen, wenn wo von allem zu viel ist und einen der Krempel fast erdrückt, dann macht das durchaus Sinn. Man hält das zeitweilige Durcheinander gut aus, weil man einen Plan davon hat, was nachher herauskommen wird, scheut keine Anstrengung und keinen Schweiß und geht beherzt an die manchmal schwere Arbeit.

 

Liebes Leben! Du ordnest dich neu. Und wir sind viele kleine Teilchen, die noch nicht wissen, wo wir hingehören und wie unser Platz in Zukunft ausschauen wird, wie dein neues System genau ausschaut und was alles anders sein wird zum bisher Gewohnten. Das macht vielen Menschen hier Angst, weil sie dir zu wenig vertrauen und noch immer denken, dass man dich kontrollieren kann. Doch, weißt du was? Ich vertraue dir und ich verlass mich auf dich. Du bist und warst immer schon intelligent, du verlässt dich auf dich selbst und bist frei und wild und wunderbar (ganz wie Pippi Langstrumpf). 

 

Liebes Leben! Auch wenn sich mir und vielen Menschen seit jeher der Nutzen deiner Wege nicht immer erschließt, gehe ich davon aus, dass du recht hast. Auch wenn dieses Recht unsere persönlichen Grenzen anstößt und einreißt und schmerzliche Erfahrungen mit sich bringt. Du bist das Leben! Du bist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, du bist auch Angst, Hass und Zorn, du bist Gleichgültigkeit und Langeweile und alles irgendwo dazwischen. Du bist hochkomplex und dann wieder so einfach, manchmal glasklar und dann undurchsichtig wie der ärgste Novembernebel (danke übrigens, wir haben ihn schon im Oktober ausgiebig genossen, es würd dann auch wieder reichen).

 

Liebes Leben! Falls du noch nicht ganz sicher bist, wie dein neues System aussehen soll, erlaub ich mir heute, ein paar Wünsche zu deponieren. Mir passiert das ja auch immer wieder, dass ich während dem Umräumen denk: halt, das wär doch anders viel geschickter, angenehmer und sinnvoller. Also: ich schieß mal los, weil … wer weiß schon, vielleicht kannst du ja noch eine Idee brauchen.

 

Liebes Leben! Ich wünsche mir für die neue Ordnung, dass wir endlich begreifen, dass wir Menschen alle gleich viel Wert sind. Unabhängig von Hautfarbe, Lebenskonzept, Religion, Einkommen, sexueller Ausrichtung oder Alter. Manche von uns kommen da immer noch durcheinander und glauben, das unterschiedlich bewerten zu dürfen, setzen sich dann über kleinere gesellschaftliche Gruppen hinweg und bestimmen über sie aus einem Gefühl der Überlegenheit. Ich wünsch mir von dir mehr Klarheit, dass wir EINS sind bei aller Individualität, dass keiner besser oder schlechter ist, niemand mehr oder weniger Wert ist. Wir sind doch alle nur Produkte dessen, was uns im Leben widerfahren ist und am so wichtigen Anfang hat das kein Mensch selbst in der Hand. Und nicht alle haben so eine Familie, wie du sie mir geschenkt hast.

 

Liebes Leben! Ich wünsche mir ein anderes Schubladensystem für Leistung und Arbeit. Dass wir gut bezahlte Berufe und Tätigkeiten einfach höher bewerten und diese mehr Ansehen genießen ist schlichtweg unfair und hilft auch nicht, was meinen ersten Wunsch betrifft. Wir haben da sicher was missverstanden, denn DU wolltest bestimmt nicht, dass zwischenmenschliche Arbeit (egal ob in der Pflege, mit Kindern, in Familien,…) weniger wertvoll betrachtet wird, als die Produkte von Maschinen und der Industrie, auch wenn wir sie für unser modernes Leben brauchen. Ich wünsche mir, dass Menschen nicht einem hochdotierten Job hinterhertragen sondern ihrer Berufung, was auch immer die sein mag. Ach ja, dazu gehört vermutlich auch, dass wir schon in der Schule damit anfangen, weniger leistungsorientiert zu denken sondern lösungsorientiert. Also statt Fehlersuche sich auf Potenzialsuche zu begeben. (Eine wunderbare Lehrkraft hat sich neulich vorgenommen, einmal im Semester jedem ihrer Grundschüler eine positive Nachricht über etwas Gelungenes zu übermitteln (bzw. dessen Eltern) - und sieh da: nicht nur Begeisterung bei Schülerinnen und Eltern, sondern auch bei der Lehrperson, die den neuen Blickwinkel deutlich genoss! ) 

 

Liebes Leben! Ich glaub auch, wir brauchen eine neue Währung. Wir messen alles, oder so ziemlich alles in der industrialisierten Welt in Geld. Und was irgendwann mal als praktischer Ausgleich beim Handeln gedacht war, legt uns heut in vielerlei Hinsicht Ketten an. So viele gute Ideen werden nicht umgesetzt, weil etwas Anderes lukrativer ist. So viele kluge Menschen werden nicht gehört, weil ihre Ideen den Profit der ohnehin Reichen schmälern würde. So viele wertvolle Ansätze bleiben unbemerkt, weil es mit den alten noch so viel Geld zu verdienen gibt. Du hast doch irgendjemandem mal diesen weisen Spruch geflüstert, wo am Ende steht  "…. werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann!" Ich glaub, viele hier sind bereit für eine neue Währung. Jedenfalls aber für eine gerechtere Verteilung dessen, was vorhanden ist. Lass dir was Gutes einfallen, bitte - mein Horizont reicht dafür, glaub ich, nicht aus.

 

Liebes Leben! Ich wünsche mir mehr Demut und Achtung der Menschheit vor DIR! Keine Ahnung, ob es bloß Zufälle sind, diese Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Waldbrände, Flutwellen oder Pandemien oder deine verzweifelten Schreie nach mehr Respekt und Rücksichtnahme. Ich weiß, dass ich auch zu denen gehöre, die wahrscheinlich immer noch zu viel brauchen von diesem Planeten, als wir uns nehmen dürften und es tut mir Leid. Ich gebe im Kleinen, was möglich ist und manchmal tut es auch ein bisschen weh. Gib uns mehr Einsicht, dass es noch viel mehr weh tun wird, wenn wir uns nicht schleunigst besinnen und Mutter Erde endlich so behandeln, wie sie es verdient hat. Ich weiß, sie wird uns Menschen sonst abschütteln, denn SIE geht sicher nicht zugrunde, aber wir. Lass uns nicht voll gegen die Wand fahren, sondern eine uns, solang wir noch eine Chance haben, umzudrehen, zu bremsen und andere Wege zu gehen.

 

Liebes Leben! Wenn du dich neu arrangierst, dann denk daran, mehr Liebe, Mut und Zufriedenheit dazu zu packen und lass nur ein kleines, überlebensnotwendiges Schublädchen übrig für Angst, Zweifel und Egoismus. Lass noch mehr Menschen erkennen, dass wir uns gegenseitig brauchen, dass uns kein Zacken aus der Krone fällt, wenn wir bedürftigen Menschen helfen, dass Sicherheit sowieso nur eine Illusion ist und dass wir eben Mut brauchen, um in der großen Freiheit, die wir haben, zurecht zu kommen. Lass diejenigen, die nie genug Liebe bekommen haben, erfahren, dass sie sich dennoch selbst lieben können und dürfen und stärke sie in ihrem Glauben an sich selbst und das Gute in ihnen. Denn, wenn wir das Gute, Positive und Wertvolle in uns selbst sehen - dann könnten wir es auch in unserem Gegenüber entdecken.

 

Liebes Leben! Zum Schluss möchte ich dir danken. Für deine vielen, vielen Facetten. Wir sehen derzeit womöglich eher die trüberen Teilchen, die nicht so schillernden und kaputt gegangenen. Du bist so! Dass du fehlerhaft, niederschmetternd, verletzlich, anstrengend und schweißtreibend bist, ja manchmal sogar beängstigend, gehört genau so zu dir wie deine Fähigkeit zu begeistern, beleben, kräftigen, wachsen, entwickeln, lernen, erkennen und sich dauernd zu verändern.

Danke für diese Vielfalt und dass du uns immer zeigst, dass wir selbst auch all das sein dürfen und können. Danke, dass ich mir Gedanken über solche Dinge machen kann, weil ich jeden Tag genug zu essen hab, klares Wasser aus meiner Leitung fließt, ich ein Dach über dem Kopf hab und mich sicher und geborgen fühle, mich als Teil eines großen Ganzen begreife und doch Individualität leben darf, mir selbst vertraue und dann eben noch: DIR! Danke dafür!

 

Lebendige Grüße,

deine Kerstin

 

P.S. Um uns ist ganz schön viel Nebel, nicht nur bildlich gesprochen - ich wär bereit für eine klarere Sicht und etwas Sonne. Nur, falls du fragst.


Du möchtest gern wissen,

...wann der nächste BLOG Beitrag da ist?! 

... wann und wo du mich live erleben kannst?

... was es Neues bei mir gibt?!


Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Sabine (Freitag, 30 Oktober 2020 17:14)

    Geniale Idee einen Brief an das Leben zu schreiben!
    Sehr berührend und ergreifend.
    Danke�

  • #2

    Cornelia (Freitag, 30 Oktober 2020 20:12)

    Danke für deinen Blog Beitrag. Deine Gedanken haben mich sehr berührt und regen zum Nachdenken an. Besonders in dieser außergewöhnlichen und schwierigen Zeit.

  • #3

    Simone (Freitag, 30 Oktober 2020 20:58)

    Wahnsinn wie du es immer auf den Punkt bringst.... Danke für deine Beiträge alles Liebe Simone

  • #4

    Maria (Samstag, 31 Oktober 2020 21:15)

    Danke!

  • #5

    Kerstin Bamminger (Sonntag, 01 November 2020 12:08)

    Danke für eure Rückmeldung und den Zuspruch - hier und im echten Leben! Ich freu mich, wenn ich euch mit meinen Worten erreichen und berühren kann!

  • #6

    Elisabeth (Sonntag, 01 November 2020 19:26)

    Danke, für deine positive Sichtweisen auf die Dinge des Lebens in diesen chaotischen Zeiten. Dein Brief an das Leben hat mich berührt. Deine Worte helfen die eigene Position im Leben zu überdenken. Dankeschön�

   Kerstin Bamminger

+43 650 5618246

aktiv@beziehungsweiseleben.at