3 Fragen zum Beruf, die keine Mutter hören kann

Kind und Karriere unter einen Hut bringen. Ein gesellschaftlich propagiertes Ziel, unterstützt von Politik und Wirtschaft, verbunden mit ewigen Forderungen nach immer mehr und immer länger geöffneten Kinderbetreuungseinrichtungen, weil anscheinend alle Frauen beides wollen sollen.

Dabei bekommen wir oft Rollenmodelle vorgesetzt, die mit der Realität einer durchschnittlichen Familie nichts zu tun haben und für alle heißt's aber: so geht's!

Ich hab mir Gedanken gemacht, was die ständigen Fragen rund um die Vereinbarkeit mit uns machen und was wir uns eigentlich wünschen.

 

Grundsätzlich, finde ich, ist in unserem Land per Gesetz sehr viel gut geregelt, was die Rechte auf Mutterschutz, Elternkarenz und Elternteilzeit angeht. Dass diese Regelungen nur bedingt genutzt werden, hat verschiedenste Gründe, einer davon ist sicher, dass meist die Jobs der Männer besser bezahlt sind und es nicht nur eine soziale und Wunschfrage ist, sondern vor allem eine wirtschaftliche. 

Doch anstatt es uns untereinander dann etwas zu erleichtern, verstärken wir vorhandene Unsicherheit auch noch im persönlichen Umgang und machen uns (vielleicht oft auch unbewusst) Druck. Und wenn es andere nicht tun, machen wir das selbst im Sinn von "… bei anderen geht's doch auch, wieso schaff ich das nicht?"

 

Druck entsteht schon bei der Tatsache, dass man bereits vor der Geburt des Kindes auswählen soll, welche Kindergeldvariante man haben möchte, sprich - wie lange man der Lohnarbeit den Rücken kehren wird, ohne zu wissen, welches menschliche Wesen in die Familie geboren wird. Man weiß nichts über sein Temperament, ob es genügsam ist oder pflegeintensiv, wie man die Umstellung als Familie schafft und wie sich das kindliche Schlafverhalten entwickelt und so weiter. Man entscheidet sich quasi für die Katze im Sack. So weit, so gesetzeskonform.

 

Wenn ich uns dann aber zuhöre, wie wir Frauen uns unsere Lohnarbeit erklären, wird mir oft ganz schlecht, weil wir (vielleicht oft auch unbewusst, schon wieder) rechtfertigen und Fragen stellen, die nicht sein müssen. 

 

FRAGE 1: Wann fängst du wieder zu arbeiten an?

Am liebsten würde ich da drauf schreien: ich arbeite jetzt schon und jeden Tag, da Mama sein ein 24 stunden Job ist, leider halt keine Lohnarbeit, doch: "Ich arbeite!". Wir meinen natürlich: "wann steigst du wieder in deine Erwerbsarbeit ein", was nicht recht viel gescheiter ist. Erstens impliziert die Frage die Idee, dass frau das wieder tun wird und sollte und zweitens auch, dass man einen fixen Plan dazu hat. Ich hab diesen Druck selbst oft gespürt, auch wenn keine der Fragenstellerinnen mich in die Enge treiben wollte, es passiert allein durch die Frage. Und das, obwohl ich gerne und aus Überzeugung neun Jahre keiner Erwerbsarbeit nachgegangen bin. Eine Antwort darauf findet sich umso schwieriger, eigentlich tappen wir immer in eine Rechtfertigung, warum, wann, wieso und wieso nicht. Das bringt mich zu

 

FRAGE 2: Warum so wenig Stunden?

Na gut, vielleicht fragt das nicht gleich jemand, aber wie oft ich Mütter sagen höre: "Ich arbeite eh nur ….. Stunden (bitte beliebige Zahl einsetzen)!" ist unglaublich. Was heißt hier "nur"? Wir sollten uns nicht für unsere Arbeit entschuldigen, schon gar nicht bei Personen, die nicht zur Familie gehören. Mütter und Väter sollen die Entscheidung, wer wieviel und wann einer Erwerbsarbeit nachgeht um die Familienverhältnisse finanziell decken zu können, ganz allein entscheiden und es vor allem sich selbst recht machen. Was ohnehin schwer genug ist, denn es ist lang nicht so, dass das ein Wunschkonzert ist, sondern ein sensibles und oft ungerechtes Abwiegen von Interessen und Bedürfnissen, von wirtschaftlichen und soziokulturellen Faktoren, von Traum und Wirklichkeit.
Damit sind wir bei 

 

FRAGE 3: Warum so viele Stunden? 

Diese Frage wird meist gar nicht offen gestellt, eher hinter vorgehaltener Hand: "… oh, ihr ist die Karriere wichtiger als die Kinder, wozu hat sie denn welche bekommen?" Ja, so sind wir Frauen auch manchmal. Was irgendwie schade ist. Wir sehen nicht hinter die Kulissen und können nicht wissen, was die Beweggründe für Familien sind, sich früh für einen Wiedereinstieg mit vielen Stunden zu entscheiden. Und im Grunde geht es uns nichts an - allein dieser Familie soll es recht sein. Sie sind diejenigen, die es aushalten müssen und die Verantwortung tragen. Es können verschiedene Beweggründe sein, früh wieder viel im Erwerbsleben zu sein, nicht jede dieser Mütter ist deshalb gleich eine egoistische Karrierefrau.

 

Erwerbsarbeit und Familie gleichzeitig zu leben ist eine Herausforderung.

Oder wie Beate Meinl-Reisinger im Wahlkampf sagte :

"Ja, es ist immer eine Strudelei. Das geht doch allen so."

 

Stimmt, diese ehrliche Botschaft ist ein wichtiger Schritt in der Vereinbarkeitsdebatte.

Bitte glaubt nicht, dass es leicht ist.

Bitte glaubt nicht, dass es einfach ist. 

 

Wir können ALLES haben, aber ALLES GLEICHZEITIG ist schwierig. 

 

Ehrlicherweise kann es nicht 100% Kind und 100% Karriere geben (so viel weiß ich noch von Mathe), zumindest nicht für eine Person und das ist für manche eine schmerzliche Botschaft. Verzichten, das hatten wir hier vor kurzem, ist kein Modethema unserer Gesellschaft. Die gute Nachricht ist jedoch: wir haben die Wahl und somit die Freiheit, uns nach unseren Prioriäten zu entscheiden. Jede Entscheidung FÜR etwas ist eine Entscheidung GEGEN etwas Anderes. Somit zahlt jeder und jede von uns auch einen Preis für das gewählte Modell. Und wenn man sich individuell und gut entschieden hat, zahlt man diesen Preis auch gern. Zumindest lieber als den "ANDEREN".

 

Entscheidungen können getroffen, erprobt und erlebt werden und auch wieder geändert werden. Manchmal glaubt man, das Eine klappt, doch die Realität sieht anders aus und es braucht eine neue Lösung. 

Kinder sind eine gemeinsame Verantwortung eines Paares. Egal, WER arbeiten geht, kann das nur tun, weil der zweite Partner die Verantwortung für die Kinder übernimmt, oder weil man gemeinsam entscheidet, die Kinder fremdbetreuen zu lassen.

Wenn man diese Haltung verinnerlicht, fällt es leichter, auf Augenhöhe zu diskutieren und dann ebenbürtige, mutige und individuelle Entscheidungen treffen zu können. 

Wir Frauen brauchen starke Partner an unserer Seite, die Familienarbeit und Erwerbsarbeit gleichwürdig und gleichwertig sehen und mit uns zusammen eine Richtung finden und gehen wollen. 

Und wir brauchen Kinder, die diesen Weg mitgehen können - und nicht mitgeschleift werden, weil es für sie eigentlich nicht passt. (Und Kinder brauchen jemanden, der DARAUF schaut!)

 

Das verlangt ganz schön viel Energie und Kraft, Ehrlichkeit und Reflexionsbereitschaft, Vertrauen und Zuversicht, Flexibilität und Hingabe und eine große Portion Optimismus.

 

Fragen wir also in Zuknuft lieber:


Wie geht es euch mit der Vereinbarkeit von Familie und Berufen?

Was gelingt euch schon gut? 

Was wünscht ihr euch von der Gesellschaft an Unterstützung?

 

Apropos: was wünscht du dir von der Gesellschaft an Unterstützung? 

Immer her damit in den Kommentaren ... 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Ulli (Freitag, 04 Oktober 2019 15:47)

    Toller Beitrag, danke - du sprichst mir aus der Seele :-)

  • #2

    Verena (Freitag, 04 Oktober 2019 19:08)

    Wie immer - grandios! Ich wünsche mir, dass VIELE FRAUEN diesen Beitrag lesen, reflektieren, verinnerlichen und WIR uns dann verbünden und die "wertvollen = richtigen" Fragen zu stellen beginnen!!

  • #3

    Sabine (Samstag, 05 Oktober 2019 07:43)

    Dein Beitrag löst bei mir Zufriedenheit, Wertschätzung und auch ein bisschen Stolz für meine Entscheidungen aus,
    sowie auch mehr Verständnis und Toleranz für Andere (Situationen) aus.
    Vielen Dank dafür!

  • #4

    Kerstin (Mittwoch, 09 Oktober 2019 09:51)

    Danke für eure Rückmeldungen und die Bestätigung, dass dieses Thema vielen Frauen unter den Nägeln brennt. Schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt ... zum Lesen und Kommentieren!

   Kerstin Bamminger

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